Grafik: VCÖ 2020

Was der Öffentliche Verkehr aus der Covid-19-Krise lernen kann

Eigentlich sollte das Jahr 2021 als „Europäisches Jahr der Schiene“ eine europaweite Öffi-Offensive bringen. Doch die Covid-19-Pandemie stellt den Öffentlichen Verkehr angesichts der Fahrgastrückgänge vor große Herausforderungen. Nichtsdestotrotz ist der Öffentliche Verkehr das zentrale Rückgrat auf dem Weg zu einem klimaverträglichen Verkehrssystem. Wie kann der Öffentliche Verkehr gestärkt aus der Covid-19-Krise hervorgehen? Diesen Fragen ist der VCÖ gemeinsam mit der TU Wien nachgegangen und hat dazu sowohl eine repräsentative Befragung der Bevölkerung Österreichs, als auch eine Umfrage unter rund 500 Fachleuten durchgeführt.

Rückschlag für zukünftige Nutzung des Öffentlichen Verkehrs ist möglich

Allgemein bewertet die Bevölkerung Österreichs die konkreten Reaktionen der Verkehrsunternehmen auf die Covid-19-Pandemie rückblickend überwiegend positiv. Jeweils mehr als drei Viertel halten die gesetzten Maßnahmen zur Reduktion der Ansteckungsgefahr für Beschäftigte und Fahrgäste sowie die Fahrgastinformationen rund um Covid-19 in öffentlichen Verkehrsmitteln für eher oder sehr passend. Nichtsdestotrotz gehen 42 Prozent davon aus, dass sich das Image des Öffentlichen Verkehrs verschlechtert hat, nur 12 Prozent sehen eine Image-Verbesserung. Problematisch ist die öffentliche Wahrnehmung bezüglich einer Ansteckung mit Covid-19, die im Öffentlichen Verkehr im Vergleich zu anderen Bereichen des öffentlichen Lebens sehr hoch eingeschätzt wird. 64 Prozent der Bevölkerung Österreichs gehen von einem eher oder sehr hohen Ansteckungsrisiko im Öffentlichen Verkehr aus. Da hilft es auch nichts, dass zahlreiche empirische Studien dieser Einschätzung widersprechen. Eine kürzlich veröffentlichte Studie aus Deutschland zeigt, dass die Aerosol-Übertragung im Supermarkt mit Maske höher ist, als in öffentlichen Verkehrsmitteln mit Maske. Gleichzeitig ist in Österreich das tödliche Unfallrisiko mit dem Pkw mehr als 90 Mal so hoch wie mit der Bahn.

Stellt sich die Frage, wie die zukünftige Verkehrsmittelnutzung nach der aktuellen Pandemie eingeschätzt wird. Jeweils mehr als die Hälfte der Bevölkerung Österreichs geht davon aus, dass aufgrund der Covid-19-Pandemie längerfristig mehr gegangen und Radgefahren sowie weniger geflogen wird. Weitere 45 Prozent gehen davon aus, dass in Zukunft mehr mit dem Auto gefahren wird. Bei der Nutzung des Öffentlichen Verkehrs ist die Sache unklar – wobei mit 32 Prozent im Vergleich zu 22 Prozent mehr Menschen davon ausgehen, dass der Öffentliche Nah-Verkehr zukünftig seltener genutzt wird. Aus Perspektive eines klimaverträglichen Verkehrs besteht somit die ernstzunehmende Gefahr, dass der Öffentliche Verkehr geschwächt und der Auto-Verkehr gestärkt aus der Covid-19-Krise hervorgehen.

Maßnahmen, damit der Öffentliche Verkehr gestärkt aus der Covid-19-Krise hervorgeht

Um dies zu verhindern, braucht es Maßnahmen auf unterschiedlichen Ebenen. Einerseits Maßnahmen der öffentlichen Verkehrsunternehmen selbst. Gemäß Einschätzung der rund 500 Fachpersonen sind häufigere Verbindungen zur Vermeidung von Stoßzeiten, verstärkte Hygiene-Maßnahmen, vereinfachtes Ticketing auch über mehrere Verkehrsunternehmen hinweg sowie Maßnahmen im Bereich Kommunikation am wirkungsvollsten, um die Attraktivität des Öffentlichen Verkehrs nach der Covid-Krise wieder zu verbessern. Aufgrund der zentralen Rolle und Systemrelevanz des Öffentlichen Verkehrs braucht es auch politische Maßnahmen. Diesbezüglich am wichtigsten schätzen die befragten Fachpersonen zwei Push-Maßnahmen ein: verstärkte Umsetzung von flächendeckendem Parkraummanagement in Ballungsräumen sowie die rasche Umsetzung der ökologischen Steuerreform. Neben verstärkter Kommunikation von medizinischem Fachpersonal zur Sicherheit und der Politik zur Wichtigkeit des Öffentlichen Verkehrs, wird auch die rasche Umsetzung eines österreichweiten Öffi-Tickets als wichtige Pull-Maßnahme genannt.

Vom klassischen Öffentlichen Verkehr zum integrierten, öffentlich zugänglichen Mobilitätssystem

Ohne einen leistungsfähigen, attraktiven Öffentlichen Verkehr ist Klimaverträglichkeit im Verkehr nicht zu erreichen. Das Jahr 2020 war überschattet vom Kampf gegen Covid-19 mit allen Mitteln. Die im Jahr 2021 getroffenen und umgesetzten Maßnahmen werden entscheiden, ob die Weichen beim Öffentlichen Verkehr in Richtung Aufwärtsspirale oder Abwärtsspirale gestellt werden.

  • Vorkehrungen und Strategien für erhöhten Gesundheitsschutz sind vorausschauend weiterzuentwickeln, insofern Pandemien und andere vorübergehende Herausforderungen auch zukünftig nicht auszuschließen sind. Überfüllte Öffis sollten nach der Covid-19-Pandemie eine Erinnerung aus vergangenen Tagen bleiben. Durch häufigere Verbindungen, aber auch mit gestaffelten Beginnzeiten durch verstärkte Kooperation mit Arbeitgebern und Bildungseinrichtungen können Stoßzeiten entzerrt werden. Die Öffentliche Hand sollte mit gutem Beispiel vorangehen und die Initiative ergreifen.
  • Auch Schlange stehen um ein Ticket zu kaufen, sollte passé sein. Einerseits durch attraktive Gesamtpakete wie attraktive Jahresnetzkarten, andererseits durch einfaches Ticketing auch über mehrere Verkehrsunternehmen hinweg. Einsteigen ohne vorher nachdenken zu müssen, sollte zum Öffi-Standard werden.
  • Neben Pull-Maßnahmen braucht es für die Attraktivierung des Öffentlichen Verkehrs auch Push-Maßnahmen. Im Regierungsübereinkommen der aktuellen Bundesregierung sind zahlreiche wichtige Bausteine dazu genannt. Neben höherer Kostengerechtigkeit durch die konsequente Umsetzung der angekündigten ökosozialen Steuerreform, muss auch die Pendelförderung stärkere Anreize zur Nutzung des Öffentlichen Verkehrs bieten. Klimaverträgliches Verhalten muss sich auch finanziell lohnen.
  • Um auch in Krisenzeiten kein Auto verwenden zu müssen, ist der klassische Öffentliche Verkehr zur verlässlichen, vielfältigen, öffentlichen Mobilitätsgrundversorgung weiterzuentwickeln – die auch Bike- und Carsharing sowie nachfragebasierte Mobilitätsdienstleistungen inkludiert.

Das Ziel ist, dass mit nur einem Zugang das gesamte Angebot an öffentlich zugänglichen Verkehrsmitteln zur Verfügung steht – unabhängig von Region oder Verkehrsmittelbetreiber. Es ist daran zu arbeiten, dass das Jahr 2021 als wichtiger Wendepunkt in die Geschichte eingeht, an dem aus dem klassischen, nach Bus, Bahn und Bim getrennten Öffentlichen Verkehr ein integriertes, öffentlich zugängliches Mobilitätssystem wird. Nicht nur die Fahrgäste, auch das Klima werden es danken.


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